Stücke


DER KRIEGSHERR

"Mein Vater wird noch die ganze Welt erobern und mir nichts zu tun übriglassen." (Alexander der Große)

"Krieg ist ein Naturzustand." (Napoleon Bonaparte)

"Ich werde eine Autokratin sein, das ist mein Beruf.
Und Gott, der Herr, wird es mir verzeihen.
Das ist sein Beruf." (Katharina II.)


In der historisch belegten Menschheitsgeschichte sollen knapp 14.400 Kriege stattgefunden haben, denen ungefähr 3,5 Milliarden Menschen zum Opfer gefallen sind. Da bisher schätzungsweise 100 Milliarden Menschen gelebt haben, würde dies bedeuten, dass jeder dreißigste Erdenbürger sein Leben durch kriegerische Handlungen lassen musste.
Nun sollte man meinen, die Menschheit hätte mittlerweile gelernt, dass aus Kriegen hauptsächlich Elend und Verzweiflung erwächst und nicht etwa eine Verbesserung der Zustände. Warum also geht das Töten munter weiter?

In einem Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud mit dem Titel "Warum Krieg?“ fragt Einstein „Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?" Freuds desillusionistische Antwort lautet, dass man an der aggressiven Natur des Menschen nicht vorbeikomme. Es sei ausserdem „ein Stück der angeborenen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit der Menschen, dass sie in Führer und in Abhängige zerfallen.“ Ein halbes Jahr nach dem Briefwechsel von Einstein und Freud wurde Adolf Hitler deutscher Reichskanzler.

Die Lust am Töten scheint also etwas Grundmenschliches zu sein; offensichtlich auch etwas Männliches, denn Kriege werden in aller Regel von Männern geführt, sowohl als Anführer als auch als Ausführende. Der Anlaß zum Töten scheint dabei austauschbar - Religion, Staatsinteressen, Ressourcen und vieles mehr bieten willkommenen Anlass zur Aggression.

THEATER 1000 HERTZ untersucht die Fragestellungen zum Thema Krieg anhand der zentralen Figur des Kriegsherren, der auf der Bühne in fünf Stellvertretern erscheint.

Da ist Alexander der Große; König von Makedonien, der ein Weltreich eroberte, Kaiser von Persien und Pharao von Ägypten wurde und bis nach Indien ans damals vermeintliche Ende der Welt zog, weil seine Sehnsucht nach Macht unstillbar war.

Da ist Napoleon Bonaparte, der kleine Korse, der zum größten Machthaber Frankreichs nach der Revolution wurde und sich selbst zum Kaiser krönte.
Er ist auf dem Rückzug aus Russland, es ist Winter 1812 und die ehemals stolze Grande Armée ist demoralisiert. Mit 600.000 Mann ist Napoleon von Paris aufgebrochen, nun haben Gefechte, Kälte, Hunger und Erschöpfung die Armee um mehr als die Hälfte dezimiert. Viele desertieren.
Napoleon flucht, das ist er nicht gewohnt, er der l‘Empéreur! Er schaut zurück auf seinen bisherigen Weg und er schaut in die Zukunft, auf das Ende, nach Waterloo.

Da ist Katharina die II, Zarin von Russland - eine der wenigen Frauen, die nicht durch Erbfolge auf den Thron gelangt sind - hat sich durch einen Staatsstreich an die Macht geputscht. Mit einem guten Plan und mit Hilfe des Militärs hat sie ihren Mann Zar Peter gestürzt.
Katharina ist intelligent und wißbegierig. Sie liest Voltaire und Rousseau und will die Leibeigenschaft in Russland abschaffen, was ihr jedoch nicht gelingen wird. Ihre Ideen kommen zu früh. Sie zieht nicht in den Krieg, sie lässt Krieg führen, u.a. von ihrem Feldmarschall und Geliebten Fürst Potjomkin.

Und da sind die amerikanischen Bürgerkriegsgeneräle Ulysses S. Grant und Robert E. Lee, die nach der entscheidenden Schlacht bei Appomatox über die Kapitulation der Südstaaten verhandeln. Das finden sie jedoch nicht gentlemanlike und erzählen deshalb lieber Anekdoten aus dem Mexiko-Krieg, in dem sie gemeinsam gekämpft haben.

Der Kriegsherr schlüpft abwechselnd in diese fünf Protagonisten des Weltgeschehens und kehrt immer wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück - einer Art Thron, Schaltzentrale und Rednerpult. Hier kann er sich der Demagogik hingeben und wenn Worte nicht mehr ausreichen, sich im elektronischen Kriegsspiel austoben. Denn Kriege haben sich verändert; sie werden nicht mehr auf dem Schlachtfeld ausgetragen, sondern mit Luftangriffen, Drohnen, Sprengstoffanschlägen. Die Bedrohung ist universal; der rote Knopf ist scharfgeschaltet; es bedarf nur einer Handbewegung und ...

Der Kriegsherr ist ein Parforce-Ritt durch die Weltgeschichte. Er untersucht anhand der historischen Figuren die Mechanismen der Macht und den Antrieb zum Krieg. Indem wir die Vergangenheit beleuchten, können wir vielleicht auch die derzeit verworren scheinende Gegenwart klarer sehen.

 

 

UA: Frühjahr 2018
Orangerie Theater Köln

mit
Christina Vayhinger

Text und Inszenierung: Christina Vayhinger
Dramaturgie: Karoline Bendig
Ausstattung: Vanessa Laumann