Stücke

DER SEE

© Sven Cichowicz


„Wo das Wasser endet, endet die Erde.”
(Usbekisches Sprichwort)


Hintergrund

Der Aralsee trocknet aus. Der in Zentralasien liegende See war bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts der viertgrößte Binnensee der Erde (ca 68.000 km2). Durch die Entnahme großer Wassermengen aus den Hauptzuflüssen Amudarja und Syrdarja zur Bewässerung der Baumwollplantagen in Usbekistan ging das Wasservolumen innerhalb weniger Jahrzehnte um 90 Prozent zurück. Der Salzgehalt des Sees hat sich dagegen vervierfacht.

Stalin hatte die Idee, die Wüste im Umland des Sees mit Hilfe langer Kanalsysteme in fruchtbares Land zu verwandeln. Dieser Plan schlug gründlich fehl, denn das Wasser, das in die Kanäle umgeleitet wird und zum Teil ungenutzt versickert, fehlt dem Aralsee. So entsteht statt grüner Wiesen eine immer größere Salzwüste. Man rechnet damit, dass der Große Aralsee (der südliche Teil des Sees) bis 2020 komplett vertrocknet sein wird. Die ehemals blühende Fischer- und Hafenstadt Moynak liegt heute rund 150 Kilometer vom Wasser entfernt – mitten in der Steppe. Dort machen Sand- und Salzstürme das Leben für Mensch und Tier nahezu unmöglich.

Doch das ist nur ein Aspekt der vom Menschen verursachten nachhaltigen Schädigung dieser Region. In Usbekistan verwendete man lange Zeit das hochgiftige „Agent Orange” als Entlaubungsmittel für die Baumwolle; auch bekannt durch den Einsatz der US-Armee im Vietnamkrieg. Das in Agent Orange enthaltene TCDD findet man noch heute im Wüstenstaub der Landschaft um den Aralsee. Die zunehmende Salz- und Staubverschmutzung, sowie durch Nagetiere übertragene Erreger befördern Krankheiten wie Typhus, Hepatitis, Tuberkulose, Pest und Cholera. Schätzungsweise 25 Prozent der Bevölkerung in den Baumwollanbaugebieten sind geistig retardiert. Die Entwicklung der Aralsee-Region gilt als eine der größten, vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen der Welt.


© Sven Cichowicz


Das Stück

In einem Monolog für einen Schauspieler lässt das THEATER 1000 HERTZ in seiner Inszenierung den Aralsee seine Geschichte selbst erzählen. Über die Jahrhunderte beobachtet er, wie sich seine Umgebung verändert, der Mensch immer stärker in die Natur eingreift und diese letztlich zerstört. Parallel dazu beschreibt er das Schicksal Raya, Aziza, Lusya und Inabat, die an seinem Ufer lebten und deren Schicksal
eng mit dem seinen verknüpft ist.

Erzählt wird im Rückblick aus einer nicht allzu fernen Zukunft. Der See ist nahezu ausgetrocknet; er hat nur noch wenige Tropfen Wasser und somit nicht mehr viel verbleibende Lebenszeit. In einer anderen Region der Erde hat der steigende Meeresspiegel weite Teile des Festlands überflutet. Die globale Temperatur ist stark angestiegen; die Zukunft der Menschen auf der Erde ist ungewiss. Es gibt Auswanderungswellen zu anderen Planeten; auch die jüngste in der Reihe der Frauen wird ihre Heimat verlassen und sich einer Kolonie auf dem Mars anschließen.

„Der See” ist ein Stück über den Umgang des Menschen mit seinen Lebensgrundlagen und damit auch über den Umgang mit sich selbst. Die grundlegende Frage wird gestellt, wie wir als Menschen eigentlich leben wollen – sowohl miteinander als auch auf der begrenzten Ressource Erde.

 

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Premiere: 22.10.2015
Orangerie Theater Köln

mit
Sunga Weineck

Text und Inszenierung: Christina Vayhinger
Dramaturgie: Karoline Bendig
Ausstattung: Vanessa Laumann
Licht: Patric Brück

 

Ausstellung zum Stück

Im Rahmen der Uraufführung von „Der See” werden im Foyer des Orangerie Theaters fotografische Arbeiten zum Thema von Sven Cichowicz zu sehen sein.

Cichowicz machte sich mit der Journalistin Edda Schlager im November 2010 auf den Weg, die letzten Fischerboote im kasachischen Teil des Aralsees zu finden.
Die Reise führte Cichowicz und Schlager durch die kasachische Steppe, übernachtet wurde im Zelt; bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.
Nach mehreren Tagen erreichten sie das Ufer des Sees – nur Wasser fanden sie dort nicht.
Eine weitere Tagesreise auf dem Grund des ausgetrockneten Sees brachte sie zu den letzten verlandeten Fischerbooten.

Interview mit Sven Cichowicz auf Zeit Online.

Aufnahmen aus der Fotoserie „Karabil”

Einzelne Drucke können in begrenzten Formaten und Stückzahlen erworben werden unter http://svenc.bigcartel.com