Stücke


DER SCHIMMELREITER

nach der Novelle von Theodor Storm

„In seinem Gedanken wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder; in ganz Friesland war nicht seinesgleichen! Und er ließ den Schimmel tanzen; ihm war, er stünde inmitten aller Friesen; er überragte sie um Kopfeshöhe und seine Blicke flogen scharf und mitleidig über sie hin.”

mit Nikolai Knackmuss, Kathrin Marder, Carlos Garcia Piedra

Dramaturgie: Karoline Bendig, Lichtdesign: Boris Kahnert, Komposition: Peter Land, Assistenz: Christof Hemming, Dramatisierung und Inszenierung: Christina Vayhinger

Spieldauer 85 min.
UA 23.04.2013 Orangerie Köln

Inhalt
Hauke Haien will Großes erreichen. Schon als Kind träumt er davon, einen neuen Deich zu bauen, um den Jahrhundertfluten an der Nordsee ein für allemal zu trotzen und neues Land zu gewinnen. Als er Deichgraf wird, setzt er diesen Plan in die Tat um – zum Ärger der Dorfbewohner, die jede Neuerung ablehnen und ihm ihre Unterstützung versagen.
„Der Schimmelreiter” beschreibt die Geschichte eines Kampfes – gegen die Natur, gegen die Gesellschaft, gegen die Familie und letztlich auch gegen sich selbst. Am Ende steht der neue Deich, aber er bringt Hauke kein Glück. Das Meer, dem er die Stirn bieten will, wird ihm zum Verhängnis. Es rollt eine gewaltige Sturmflut heran – mit katastrophalen Folgen für alle Beteiligten.

Pressestimmen

Ein letztes Abendmahl im Kampf der Elemente
Christina Vayhingers gelungene Bühnenversion von Theodor Storms „Schimmelreiter” in der Orangerie
Einen Kampf an zwei Fronten führt der Deichgraf. So stemmt er sich ebenso gegen die Naturgewalt des Meeres wie gegen die psychischen Mechanismen, die in einer geschlossenen Gesellschaft am Werk sind.
In der Bearbeitung von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter” - die Christina Vayhinger jetzt mit ihrem Theater 1000 Hertz in der Orangerie zeigte - branden die Elemente von beiden Seiten auf den Deich ein. Die Bühne zeigt den Deich als eine Mischung aus Steg oder Tisch, der an das letzte Abendmahl denken lässt.
Streng folgt die Inszenierung der Story in kurzen Szenen, die von einer Geräuschkulisse umtost werden, in der das Meer und die Stimmen der Bauern treffende Bezüge zum Geschehen auf dem Deich bilden. Hier streiten Nikolai Knackmuss und Carlos Garcia Piedra um die Argumente von Wissenschaft und Aberglaube, während Kathrin Marder als Deichgräfin im Zentrum der Inszenierung den emotionalen Sog der Geschichte auslöst. Schlicht, dabei konzentriert, ohne größeren experimentellen Ansatz und doch stilsicher und letztlich effektiv richtet
Christina Vayhinger Bühne, Akustik und Szenenbilder ein. Auch ein Schuss plattdeutscher Humor fehlt nicht. Letztlich offenbart sich der doppelte Boden, wenn Hauke dem Drängen der Bauern nachgibt und den Deich nur ausbessert, was letztlich zum Verhängnis führt. Die Finanzkrise lässt grüßen, in der man auch nicht zum Sparen zusammenstehen will, sondern lieber die Märkte mit Geld flutet.
Kölner Rundschau, 25.4.2013

Fortschrittsglaube

(...) Die Version von Christina Vayhinger, gestrafft für drei Darsteller, beginnt wie ein Hörspiel. Das klug gewählte Haupt-Bühnenelement ist der mit Sackleinen behängte Deich, der auch Bowlingbahn, Dorfdisco und trautes Heim sein kann. Als Haien später den neuen Deich baut, wird der Stoff mit Hilfe von Sandsäcken gestrafft - da rollen die Wellen nicht so schwer an.
Schweigend lassen die Schauspieler die Szenen, wie der kleine Hauke bereits Bau-Visionen entwickelt, als Einspieler vorbeiziehen. (...)
Die Rollen sind passend: Nikolai Knackmuss mit seinen durchdringenden Augen fühlt man die Gratwanderung zwischen Ideologie und Leidenschaft, Charme und Außenseitertum nach. Auch Kathrin Marder spielt Elke spröde, reduziert und doch ausdrucksstark. Carlos Garcia Pedra als intriganter Ole Peters verkörpert fies die stumpfen Dorfbewohner, der etwas zu vorhersehbar stets den Pfeifenrotz verächtlich auf den Boden spuckt. In Schlaglichtern geht die Handlung voran, durchsetzt mit Einspielern. (...) Hauke wird durch seine Frau endlich Deichgraf und tritt mit Trench und Kragenfell gleich viel autoritärer auf, während die abergläubigen Dorfbewohner mit gelber und roter Mütze (Marder und Piedra) Stimmung gegen ihn machen, die Flasche immer dabei. Das Kind, ein regloses Bündel, wird geboren, ein unheimliches Pferd (Haiens Mantelbesatz) gekauft. Mit dem Klatschen seines Notizbuchs treibt Haien den nichtsnutzigen Ole Peters zur Arbeit an: immer kürzer wird ihr Textloop, immer schneller drehen sie sich umeinander, bis es zum offenen Kampf kommt. (...) Haien wird immer mehr zum Grübler, schreibt einsam Tagebuch - kein guter PR-Mann der eigenen Sache. Und schließlich rollt das Meer an, in einer suggestiven Szene kommt es zum einsamen, gewaltigen Hardrock- Opfer-Finale auf dem Deich.

aKT 05/2013